Ökologische Dämmstoffe: Vorbereitet sein auf die "grüne" Renovierungswelle

Eva-Marion_Beck_Autorin_BlogDie Ökologisierung des Dämmmarkts schreitet voran, der Marktanteil der umweltfreundlichen Dämmstoffe wächst. Neben einer guten Dämmleistung bieten ökologische Dämmmaterialien im Vergleich zu mineralölbasierten EPS-Dämmungen einen erhöhten Schutz vor Feuchtigkeitsschäden bei Innendämmungen, die beim Bauen im Bestand oder denkmalpflegerischer Vorgaben erforderlich sein kann. Und im Rahmen der grünen Renovierungswelle der EU-Kommission wird das ökologische Dämmen im Bestand in den nächsten Jahren einen Boom erleben. Trotzdem gibt es noch viel zu wenige Planer, Handwerker und Baubetriebe, die Fachwissen über alternative Dämmstoffe haben. Das möchten wir mit unserem Artikel ändern.

Die Energieeffizienzklasse von Gebäuden wird in erster Linie durch den Bedarf der Primärenergie (den Rohstoffverbrauch für Heizung, Lüftung, Strom unter Berücksichtigung des Energieverbrauchs für Förderung, Aufbereitung und Transport der Energieträger) bestimmt. Der Rohstoffverbrauch wiederum kann maßgeblich durch den Energieverlust durch die Gebäudehülle beeinflusst werden. Deshalb ist beim nachhaltigen Planen und Bauen von Gebäuden die Wahl der Dämmmaterialien essenziell. Sie beeinflusst in einem hohen Maße einen umwelt- und kostenbewussten Umgang mit Energie auf Jahre hinaus.

 

Wichtig ist, dass die Dämmung fachgerecht angebracht und die Heiztechnik angepasst wird. Gut gemachte Fassadendämmungen können 30 bis 40 % Heizenergie einsparen. Für ein Einfamilienhaus mit 150 Quadratmetern, das mit Heizöl beheizt wird, bedeuten 30 Prozent Einsparung 8.100 Kilowattstunden weniger Heizenergiebedarf im Jahr. Damit werden 2,5 Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr vermieden. Eine gute Wärmedämmung kann also beträchtlich zum Klimaschutz beitragen.

 

„Dämm-Boom“ in Sicht

Auch beim Sanieren rücken nachhaltige Dämmstoffe immer stärker in den Fokus von Planern, Handwerkern und Bauherren. 70% aller Häuser, die vor 1978 gebaut wurden, haben nach wie vor keine Fassadendämmung. Der Klimaplan 2050 der Bundesregierung sieht vor, bis zum Jahr 2050 etwa 90% der Bestandsgebäude energetisch zu sanieren, um den CO2-Ausstoß weiter zu senken. Die langfristige Renovierungsstrategie, die - im Rahmen der im Green Deal angekündigten Renovierungswelle - am 17. Juni 2020 beschlossen wurde, schafft zahlreiche Anreize zur energetischen Sanierung. Das Dämmen wird voraussichtlich in den nächsten Jahren einen regelrechten Boom erleben.

 

Was sind "nachhaltige Dämmstoffe"?

Die gängigsten Dämmstoffe sind nach wie vor mineralische Stoffe wie Stein- und Glaswolle sowie Styropor, Polyurethan und Dämmschäume, die oft aus Erdöl hergestellt werden. Doch langsam, aber unausweichlich wird der Dämmmarkt grüner und nachhaltiger; 2020 ist - schon das zweite Mal in Folge - der Umsatz mit organischen Dämmstoffen bzw. Fassadendämmmaterial aus nachwachsenden Rohstoffen deutlich rascher gewachsen als der Gesamtmarkt. Das Öko-Segment konnte 2020 ein Wachstum um 3,1% und 2019 sogar um 7,6% verzeichnen.

Das „Öko-Segment“, das sind Dämmmaterialien, die umweltschonend und gesundheitsfreundlich sind - auch „ökologische Dämmstoffe“, „Naturdämmstoffe“, „natürliche“, „grüne“ oder „alternative“ Dämmstoffe genannt. Es gibt keine einheitliche Definition für ökologische Dämmstoffe.

Grundsätzlich können sie

  • aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden („Naturdämmstoffe“: Hanf, Jute, Flachs, Stroh, Seegras, Wiesengras, Kork oder Schilf),
  • zu 100 Prozent aus Recyclingmaterial bestehen („Recycling-Dämmstoffe“: Jute, Zellulose, Glas, PET) oder
  • natürlichen mineralischen Ursprungs sein (z.B. Blähton).


Ihre
Rohstoffgewinnung, Herstellung, Verarbeitung und Entsorgung verbraucht weniger Energie als die konventionellen Dämmmaterialien und sie stellen ein geringes Risiko für Gewässer und Erdreich dar. Besonders Dämmstoffe aus Hanf, Zellulose, Kork und Holz sind auf dem Vormarsch. Auf dem Markt gibt es bereits druckfeste Platten, flexible Matten, lose Einblasdämmung sowie Stopfdämmung. 

 

"Naturdämmstoffe" in der praxis

Vorangetrieben wird das nachhaltige Dämmen nicht nur durch Maßnahmen der Bundesregierung, sondern auch durch Forschungsinitiativen – so zum Beispiel das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Mehr als nur Dämmung - Zusatznutzen von Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen (NawaRo)“ mit 12 Partnern aus Forschung sowie Industrieunternehmen und -verbänden. Bisher war der Einsatz der sogenannten NawaRo-Dämmstoffe in baurechtlichen Vorschriften und Normen nicht berücksichtigt und machte umfangreiche Bauteilprüfungen notwendig. Die Studie belegt jetzt: Mit Naturdämmstoffen kann kalkulierbar sicher und in fast allen Anwendungsgebieten gebaut werden. Die Ergebnisse machen den Weg frei für die Anpassung der entsprechenden Normen und baurechtlichen Vorschriften. Die Studie wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) gefördert.

 

Welche ökologischen Dämmstoffe wo einsetzen?

Hier ein Überblick über die gebräuchlichsten Anwendungsmöglichkeiten der unter­schiedlichen naturnahen Dämmstoffe in verschiedenen Konstruktionsbeispielen (Wand, Dach, Bodenplatte, etc.) für Neu- und Altbau:

Dämmstoff

Wärmeleitfähigkeit

Anwendung

Holzfasern

0,040-0,055 W/(m·K)

Leichtbaukonstruktionen,

in Verbindung mit Schüttungen, Dach, Estrich, WDVS               

Holzwolle

0,090 W/(m·K)

Putzträger, sommerlicher Wärmeschutz, Verkleidung 

Zellulose

0,040 W/(m·K)

Zwischensparrendämmung

Holzständerbauweise Wand-/Deckenflächen 

Flachs

0,040 W/(m·K)

Untersparrendämmung, nicht für diemAußendämmung geeignet

Hanf

0,040-0,045 W/(m·K)

Zwischensparrendämmung, Untersparrendämmung

Neptunballfasern

0,045 W/(m·K)

Einblasdämmung für Hohlräume, Dach, Fassade, Innen- und Außendämmung

Holzfasern

0,040-0,055 W/(m·K)

Leichtbaukonstruktionen,

in Verbindung mit Schüttungen Dach, Estrich, WDVS

Holzwolle

0,090 W/(m·K)

Putzträger, sommerlicher Wärmeschutz, Verkleidung 

Kork

0,045 W/(m·K)

Boden, Dach, Zwischen- und Trockenbauwände

 

Wichtig für Planer, Handwerker und Bauunternehmen, die ihren Kunden das nachhaltige Dämmen näherbringen wollen: Die Bundesregierung stellt für die Wärmedämmung von Bestandsgebäuden über das KfW-Programm „Energieeffizient Sanieren“ Fördermittel zur Verfügung – und zwar sowohl für die Komplettsanierung als auch für einzelne Maßnahmen. Zusätzlich gibt es regionale Förderung für Wärmedämmung. Auf dem Online-Portal CO2online.de können Sie sich darüber informieren und ihren - privaten und öffentlichen - Bauherren wertvolle Motivationshilfen an die Hand geben.

 

Noch ein Tipp zum Schluss: Bauunternehmen, Energieberater und Handwerker, die im Bereich Modernisierung tätig sind, können sich in der Experten-Datenbank „Rat und Tat“ der co2online GmbH kostenlos registrieren lassen. Über die Postleitzahlensuche werden Fachleute mit besonderen Kompetenzen (z.B. Verwendung ökologischer Dämmstoffe) für Bauherren in ihrer Nähe leicht auffindbar.

 

Weiterführende Infos „Ökologisches Dämmen“ für Planer, Handwerker und Baubetriebe

 

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